Sprachen lernen und das Internet übersetzen

Luis von Ahn

Der Informatiker Luis von Ahn schlägt mit seiner Lernapp Duolingo zwei Fliegen mit einer Klappe. (Bild: By EneasMx under CC)

Jedes Unternehmen werde, so heisst es, früher oder später zum Softwareunternehmen. Von dieser Regel dürften auch Anbieter von Weiterbildung nicht ausgeschlossen sein. Tatsächlich wird sich auch die kleine Sprachschule Gedanken darüber machen, wie digitale Tools ihren Unterreicht bereichern können; es muss ja nicht gleich ein mehrteiliger MOOC, ein Massive Open Online Course, sein.

Was aber, wenn Softwareunternehmen zu Weiterbildungsanbietern werden? Vielen vertraut sein dürfte die Lern-App Duolingo. Dahinter steckt nicht etwa ein schlauer Pädagoge, sondern ein Professor für Informatik, der gebürtige Guatemalteke Luis von Ahn und der Schweizer Severin Hacker, auch er Informatiker. 2011 wurde das Projekt gestartet und 2012 öffentlich zugänglich gemacht. Seitdem sollen sich 120 Millionen Nutzer angemeldet haben.

Wir arbeiten für Google

Von Ahn hat schon ganz andere Dinge entwickelt, die wohl jedem, der auf dem World Wide Web unterwegs ist, geläufig sind. Um sich als Mensch auszuweisen, wird man immer wieder aufgefordert, schwer leserliche Zahlen- oder Buchstabenfolgen in eine Maske einzugeben, man löst somit einen CAPTCHA, einen Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart. Der Turing-Test geht auf den englischen Wissenschaftler Alan Mathison Turing zurück, der als einer der Begründer der theoretischen Informatik gilt.

Mit CAPTCHAs werden aber nicht nur Menschen von Robotern unterschieden, damit wird auch die Digitalisierung ganzer Bibliotheken unterstützt. Nachdem 2009 Google von Ahns Unternehmen reCAPTCHA gekauft hatte, trat die Masse der User, wir also, auch in den Dienst von Google Street View; man identifiziert Hausnummern und trägt so zur Optimierung von Google Maps bei.

Crowdsourcing: Man lässt die Masse arbeiten

Zwei entscheidende Dinge sind hier festzuhalten: Zum einen setzte von Ahn menschliche Intelligenz ein, um die Grenzen künstlicher Intelligenz zu überwinden. Und zum andern lässt er die Masse, die Crowd, arbeiten, um gigantische Datenmengen in relativ kurzer Zeit zu verarbeiten. Somit war von Ahn auch ein Erfinder des Crowdsourcings. Ein entscheidendes Merkmal davon: Unzählige Menschen investieren Zeit, um für ein Unternehmen Aufgaben oder Probleme zu lösen, ohne auch nur einen Rappen dafür zu bekommen.

In diesem Sinn scheint Duolingo nicht wirklich ein Crowdsourcing-Projekt zu sein, bezieht doch der User einen echten Wert aus der Benutzung der App: Er oder sie lernt eine Sprache, und das erst noch gratis und franko. Trotzdem: Auch bei Duolingo ist das Sprachenlernen wenn nicht Nebeneffekt, so doch zumindest nicht einziges Ziel des Projekts. Vielmehr hilft der Sprachschüler, die Sprachschülerin ganz nebenbei, die Übersetzung von Webinhalten voranzutreiben.

Auch Duolingo ist eine Crowdsourcing-Plattform

So funktioniert es: Die zu übersetzenden Passagen stammen von einer Webseite. Anfänger bekommen leichtere Sätze vorgesetzt. Der Schwierigkeitsgrad steigt mit zunehmender Fremdsprachenkompetenz. Stets übersetzen mehrere User denselben Satz. Ausgehend davon, dass eine Mehrheit es richtig macht, können Fehler so vermieden werden. Die App ist gratis, weil Duolingo mit der Übersetzungsleistung Geld verdient. Also doch eine echte Crowdsourcing-Plattform.

Wertvolles Wissen übers Sprachenlernen

Aber Duolingo generiert auch Wissen darüber, wie Sprachen gelernt werden, indem riesige Datenmengen verarbeitet werden können. Die Millionen von Usern sind gleichzeitig Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einem umfassenden Laborversuch. Jedes Wort, das sie in die App sprechen oder schreiben, wird erfasst und kann ausgewertet werden. Keine schlechte Grundlage, um den Sprachunterricht laufend zu verbessern. Wer dieses Wissen besitzt, besitzt auch einen Marktvorsprung.

Online-Kurse werden gewiss Offline-Angebote nicht vollständig verdrängen. Aber ein Teil vom Kuchen wird von ihnen besetzt werden. Und da wird man das Feld zukünftig wohl mit Software-Firmen teilen müssen.

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